7. Etappe Refuge de Manganu - Refuge de Petra Piana
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8:12 Uhr
Was für eine Nacht! Mein Thermometer ist auf 6°C gefallen, es hat wieder auf meine Wäsche geregnet und trotz voller Montur habe ich die ganze Nacht gefroren. ich habe mich mit allem was ich habe bereits um sieben abends in mein Zelt verkrochen. Mitten in der Nacht wurde ich dann durch ein tierisches Schnauben aufgeschreckt. Ich ging nochmal in Gedanken die korsische Tierwelt durch. Mir fiel die Geschichte ein, bei der die Frau eines deutschen Paares von einem Fuchs in den Kopf gebissen wurde. Die beiden waren allerdings fern jeglicher Routen unterwegs. Hatte ich alles weggeräumt? Lockte vielleicht mein Essen irgendein wildes Tier an? Ein bisschen mulmig zu Mute wickelte ich mich noch tiefer in meinen Schlafsack ein, ging zwar nicht, aber die Vorstellung half. Da war es wieder, es kam näher, es klang wie ein tiefes Ausatmen eines nicht allzu kleinen Tieres. Ich ging nochmals, fieberhaft die gefährlichen Tiere Korsikas durch. Die Rasterfahndung in meinen Hirn lief auf Hochtouren, doch nichts wollte passen. Plötzlich hörte ich ein Rupfen so als ob jemand scharrte oder am Gras rupfte. Dann ein Klappern und ein leichtes Wiehern.
Ich Idiot!
Die Pferde des Gardien des Refuges waren, als ich ins Zelt ging, angebunden. Er, oder sie selbst, mussten sich losgemacht haben. Sie grasten ganz friedlich. Da vor meinem Zelt Gras und erst hinter meinem Zelt Steine waren hatte ich die Hufe nicht gehört. Ich hatte mich derart in die Irre führen lassen. Jetzt hatte ich nur noch Angst um meine Wäsche, aber dafür sind ja eher Ziegen oder Kühe zuständig.
Am Morgen ca 6:00 Uhr schaue ich aus dem Zelt. Strahlend blauer Himmel lacht mir entgegen, jetzt konnte es wieder aufwärts gehen. Mit immer noch total tauben Fingern packe ich mein patschnasses und total verdrecktes Zelt zusammen. Die Finger fallen mir bald ab, hatte nicht jemand gesagt ich sollte Handschuhe mitnehmen? Egal, ich kämpfe mich durch und nach einer halben Stunde Aufstieg, sitze ich bereits wieder einmal auf einem, von der Sonne überfluteten Stein, schreibe vor mich hin und lasse die Sonnenenergie auf Körper und Geist wirken. Heute gibt es wieder einmal eine angeblich schwierige Tour, ein Teil des Wanderwegs auf der Karte ist gepunktet. Dies bedeutet immer Kletterpartien, auf Grund derer der Weg als schwierig eingestuft wird. Ich freue mich über die Punkte, das Klettern mit schwerem Rucksack ist zwar nicht ganz einfach, macht dafür aber tierisch Spass. Wir werden sehen! Mir scheint der nächste Empfang ist sowieso erst viel später, also kann ich die Erfahrung vielleicht später ergänzen. Oder es gibt halt einen neuen Eintrag.
14:12 Uhr
Tja, leider hat die Sonnenenergie nicht lange gehalten. Eine halbe Stunde nach der letzten Pause ziehen schon wieder dicke Wolken den Berg hinauf, genau mit mir. Auf dem Bocca a le Porte (2.220m) ist schon wieder alles wolkenverhangen und neblig trüb. Hier beginnt die Kletterpartie. Die Landschaft erinnert mich an die Dolomiten, steil aufragende, kerzenartige Felsen reihen sich so schön aneinander, als hätte der Felsenkommandant sie antreten lassen.
Die Kletterei ist nicht weiter kompliziert und so komme ich gut durch. Im Gegensatz zum Cirque de la Solitude ist in der Breche de Capitellu heute kein Mensch, ich kann mich also austoben. Was ich natürlich umgehend tue. Kaum bin ich auf der anderen Seite angekommen, scheint es als wolle mir jemand sagen was Wind wirklich ist. Nach der Breche de Capitellu geht es wunderschön über eine Grat zum Bocca a Soglia. Solche Grate liebe ich, es ist ein ungemein befreiendes Gefühl über einen schmalen Grat zu wandern und links und rechts geht es jeweils ein paar hundert Meter steil hinab. Leider pfeift der Wind so stark genau über diesen Grat, dass ich trotz Fleece, Regenjacke, Mütze und langer Hosenbeine fast das Gefühl hab meine Finger nicht mehr zu spüren. Im Februar waren wir im Allgäu bei -28°C den ganzen Tag am Schneehschuhwandern. Dort hatte ich ungefähr gleichviel an und hab weniger gefroren. Dieser verdammte Wind.
Eigentlich wollte ich hier oben Pause machen, aber daraus wird wohl nichts. Ich kann mich kaum halten. Schade denn der Blick ist wieder einmal überwältigend. Zu meiner Linken geht es steile 500m hinab zum Lac de Capitellu und direkt daneben liegt der Lac de Melo, zur Rechten fällt es ebenso steil in ein namenloses Tal ab. Der Weg zum Refuge führt nun auf langsam fallend auf die andere Seite des Bocca a Soglia. Zwischendurch setzt sich immer mal wieder die Sonne durch, so dass ich ständig am An- und Ausziehen bin. Im Refuge angekommen dominiert mal wieder der Wind und die Sonne scheint aufgegeben zu haben. Wieder ist es bitter kalt und der Wind raubt mir den letzten Nerv. Ich suche mir trotz Wind einen wunderschönen Zeltplatz von dem aus ich durch 2 Täler bis zum Meer blicken kann. Die Kälte macht sich bemerkbar, beim Gardien kaufe ich einen abgepackten Marmorkuchen, den ich innerhalb von 5 min verschlinge. 2 Müsli-Riegel müssen ebenfalls dran glauben, erst dann ist mein Magen damit einverstanden, dass erst so um 8:00 Uhr gekocht wird. Nachher gehe ich noch hoch zu dem Engländer mit seiner Tochter, er hatte mich heute morgen nach ein paar schönen Stränden gefragt, da sie beide wohl genug von den korsischen Bergen gesehen haben, wollen sie noch ein paar Tage relaxen. Keine schlechte Idee! Aber nicht für mich, durchhalten ist angesagt.
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